Hellmuth
Metz-Göckel (Hg) (2008)
unter Mitarbeit von Ferdinand Herget, Jürgen Kriz und Ernst Plaum.
Gestalttheorie aktuell
Handbuch zur Gestalttheorie, Band 1.
Wien, Krammer Verlag. 314 S., € 25,-, ISBN: 978 3 9018 11 36 4
Erscheint in "Phänomenal - Zeitschrift für Gestalttheoretische
Psychotherapie" (Wien, Krammer Verlag) Nr. 1/2010.
Um es gleich zu sagen, ich habe dieses Buch mit einem Gefühl
der
Freude und Erleichterung zur Hand genommen, denn das wünsche ich
mir schon lange: die aktuelle Gültigkeit der Gestalttheorie und
deren vielfältige Bezüge zu neueren Entwicklungen in anderen
Wissenschaftsdisziplinen dargestellt zu bekommen. Ich betrachte es als
wichtige Aufgabe der näheren Zukunft, das Basispotential der
Gestalttheorie für die Gestalttherapie neu zu bewerten. Mit dem
Untertitel „Handbuch“ wird hier der Anspruch auf eine umfassende
Darstellung ausgesprochen. Das lässt mich hoffen auf weitere
Bände.
Im Vorwort begründen die Herausgeber die Sinnhaftigkeit ihres
Vorhabens mit der Renaissance der Gestalttheorie, die auf die
Fruchtbarkeit der zentralen These - der Ganzheitlichkeit des
Psychischen - zurückgeht. Die Bedeutung dieser These wird vor
allem im Zusammenhang mit der Erklärung von Komplexität,
Emergenz und Selbstorganisation sichtbar. Das Handbuch soll daher dem
Brückenschlag zwischen der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion
und den Grundlagen, Weiterentwicklungen und Anwendungen der
Gestalttheorie dienen.
Die Herausgeber weisen darauf hin, dass viele neuere theoretische
Entwicklungen in der Psychologie unerkannt und ungenannt an
gestalttheoretische Konzeptionen angelehnt sind, etwa in den Bereichen
Lernen und Gedächtnis, Gruppenprozesse, Einstellungen und
Vorurteile sowie Entwicklungspsychologie. Ebenso greife man in der
Germanistik, der Kunsttheorie und Philosophie auf gestalttheoretische
Erkenntnisse zurück.
Es wird in diversen Beiträgen an Beispielen aufgezeigt, wie
gestalttheoretisches Denken in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen
von Nutzen sein kann.
Metz-Göckel ruft heute noch gültige Grundlagenerkenntnisse
der Gestalttheorie in Erinnerung, die auf die erste und zweite
Generation von Forschern zurückgehen. Auf den Punkt gebracht, geht
es um die Bestimmung psychischen Geschehens als System, das alle
Charakteristika eines Feldes hat. Es folgt dem Gleichgewichtsprinzip,
ist selbstorganisiert, zielgerichtet, tendiert zu höherer Ordnung
auf komplexerem Niveau und führt zu neuen Zuständen
(Emergenz). Durch empirische Ergebnisse, auch aus neueren Ansätzen
wie der Kognitionspsychologie, wird diese Kernaussage illustriert. Eher
nebenbei wird bemerkt, dass die Selbstorganisation durch
Zwangsmaßnahmen von außen wie auch durch interne
Restriktionen beeinträchtigt werden kann. Dies ist von eminenter
psychotherapeutischer, aber auch politischer Bedeutung.
Jürgen Kriz erweitert die psychologische Perspektive hin zu einer
interdisziplinären, indem er das Konzept „Gestalt“ durch zwei
bedeutsame Relationen beschreibt: ein spezifisches
System-Umwelt-Verhältnis und die jeweilige Bottom-Up- und
Top-Down-Dynamik bzw. Mikro-Makro-Dynamik. Letzteres kann man als eine
Umformulierung des klassischen „die Teile und das Ganze bestimmen
einander wechselseitig“ interpretieren. In dem Hinweis, dass genau
durch diese beiden Relationen auch die modernen interdisziplinären
Systemtheorien gekennzeichnet sind, ergibt sich die „Passung“ wie von
selbst. Kriz charakterisiert deren zentrales Konzept
„Selbstorganisation“ als eine Entsprechung zur „Selbstaktualisierung“
bei Goldstein.
Es kommen Gründe für die mangelnde Akzeptanz der
Gestalttheorie und neueren Systemtheorie im kulturellen Feld
(außer in Italien ist der Gestaltansatz in Europa stark
unterrepräsentiert) zur Sprache. Besonders bemerkenswert sei das
für Deutschland, wo die meisten Gestaltpsychologen vor der
Zerschlagung dieses Ansatzes durch das Nazi-Regime tätig waren.
Ich halte allerdings meine eigene Vermutung, dass sich hier ein
Verdrängungsvorgang zeigt, für nicht allzu abwegig. Gerade
die Psychologie war in Deutschland stark den Nazis verfallen (vgl. dazu
Ulfried Geuter 1988).
Ebenfalls findet Kriz diese mangelnde Akzeptanz angesichts eines
Überhangs naturwissenschaftlicher vor geistes- und
sozialwissenschaftlichen Ansätzen in der Psychologie erstaunlich.
Letzteres Paradox ließe sich aber, so meine ich,
auflösen durch einen Blick auf das vorherrschende mechanistische
Weltbild des aktuellen Wissenschaftsprogramms. Es prägt bereits
seit 350 Jahren die Selbstverständlichkeiten unserer Alltagswelt.
Dieser traditionellen Art zu denken, zum Beispiel mit den Stichworten
„Fremdorganisation“, „Homogenität“, „Kontrolle“, „lineare
Ursache-Wirkung“ charakterisierbar, sind die ganzheitlich-dynamischen
Eigenschaften und die originäre Ordnungstendenz spezifischer
System-Umweltverhältnisse fremd. Das zeige beispielsweise die
völlige Abwesenheit von Konzepten wie „Selbstbestimmung und
schöpferische Freiheit“, „Individualität und Einmaligkeit“,
„Geschichtlichkeit“, „Kontext-Eingebundenheit“ in der Psychologie. Hier
handelt es sich nämlich um einen Paradigmenwechsel, der explizit
von Seiten der Gestalttheorie und verwandter Ansätze in die
wissenschaftliche Diskussion stärker hineingetragen werden
müsste.
Kriz wendet sich als Beispiel für eine moderne Systemtheorie der
Synergetik Hermann Hakens zu, in der es mehr Hinweise auf die
klassische Gestaltpsychologie gebe als in etlichen psychologischen
Werken. Er greift zwei Konzepte heraus, „Emergenz“ und „Attraktor“, und
bringt sie in Verbindung mit gestalttheoretischen Parallelkonzepten wie
„Unmittelbarkeit“ und „Prägnanz“. Wohlbekannte physikalische,
biologische, psychologische und soziale Phänomene, so wird
gezeigt, lassen sich aus dieser Perspektive gleichermaßen neu und
analog darstellen. Das ist nicht so verwunderlich wie es auf den ersten
Blick aussieht, denn schließlich, so der Autor, haben sich die
Grundlagen unserer Kognition und ebenso unserer Gesellschaftsbildung
auf der biologischen Ebene stets in Auseinandersetzung mit der
Wirklichkeit entwickelt. Das Thema teleologischer Entwicklung, lange
Zeit in der abendländischen Wissenschaft verpönt, kommt durch
Attraktoren und Komplettierungsdynamiken von Systemen wieder in den
Blick.
Die Entstehung von Bedeutungsfeldern im Zusammenhang mit
Komplettierungsdynamiken ist ein weiteres Thema. Kriz hebt
abschließend die Erklärungsprinzipien der Gestalt- und der
Systemtheorie in ihrer Komplexität als besonders menschengerecht
hervor. Das halte ich für einen wunderbareren Ansatz mit noch
vielen Entwicklungschancen.
Marianne Soff behandelt „Entwicklungspsychologie unter einer
gestalttheoretischen Perspektive“. Sie weist zunächst die Vielfalt
der Arbeiten bekannter Gestalttheoretiker zu diesem Thema auf. Neben
Koffka kommen Metzger und Lewin zur Sprache, letzterer mit seinem
„Lebensraum“- Konzept. Die Autorin erarbeitet anschließend unter
Berücksichtigung anthropologischer und erkenntnistheoretischer
Konzepte Fundamente einer gestalttheoretisch orientierten
Entwicklungspsychologie. Einen besonderen Schwerpunkt bildet die
Autonomie-Entwicklung, unter Rückgriff auf Erikson, Piaget,
Kohlberg, Oerter und Loevinger. Soff findet weitgehend
gestalttheoretische Grundkonzepte wie Selbstorganisation,
Differenzierung und Entwicklung in Richtung ausgezeichneter
Zustände zentral im Loevinger’schen Ansatz bestätigt. Zu den
von Soff übernommenen Loevinger’schen Entwicklungsstufen ist
die weitgehende Auslassung der neueren Säuglingsforschung mit
ihren bahnbrechenden Erkenntnissen über die
Selbstorganisationspotentiale und die Umweltbezogenheit des
Säuglings und Kleinkindes kritisch anzumerken. Eine daraus
abgeleitete Revision der psychoanalytisch orientierten
Entwicklungsstufen findet sich bei Dörner 1993.
Zum Abschluß werden Überlegungen über das allgemeine
Autonomie-Niveau von Erwachsenen und über günstige soziale
Umstände für die Autonomie-Entwicklung angestellt.
Auch das ein zukunftsträchtiges Thema.
In weiteren Beiträgen wird eine ganze Anzahl von Bereichen:
soziales Lernen, psychologische Diagnostik, Semantik, Kunst,
Musikwissenschaft, Lehrerausbildung in Verbindung mit den jeweilig
bedeutungsvollen gestalttheoretischen Konzepten gebracht. Hier zeigt
sich die vielfältige Anwendungsfähigkeit dieser Konzepte, wie
sie sich aus ihren metatheoretischen Eigenschaften ergibt.
Insgesamt ein sehr lesenswertes Buch. Es weckt Erwartungen in Hinblick
auf die geplanten Folgebände. Wünschen würde ich mir
einen Beitrag sowohl zum zeitgeschichtlichen wie zum
wissenschaftstheoretischen Kontext dieser Theorie.
Kathleen Höll
Bisherige
aktuelle Bücher
Peter Schulthess / Heide Anger (Hg.) (2009)
Gestalt und Politik:
Gesellschaftliche Implikationen der Gestalttherapie. Bergisch Gladbach: EHP Verlag Andreas Kohlhage.
Einleitung
Psychotherapie ist immer auch als ein Stück politische Arbeit zu
verstehen, d. h. individuelles Leiden spielt sich immer auch vor dem
Hintergrund eines gesellschaftlichen Gefüges ab, bzw. ist als
Leiden an der Gesellschaft zu verstehen. Nicht umsonst postuliert Alain
Ehrenberg (2004) ein „erschöpftes Selbst“ – eine kollektive
depressive Reaktion auf die allgemeine Überforderung durch eine
immer gnadenloser agierende Leistungsgesellschaft. „Welches
Ausmaß an Resilienz soll der Mensch noch aufbringen, um dem immer
stärker werdenden Druck stand halten zu können?“ mag man aus
psychotherapeutischer Position anfragen – gerade auch in die Richtung
von Politik und Wirtschaft. Somit greift das Buch eine hochrelevante
Thematik auf.
Darstellung des Inhalts
Psychotherapie ist immer auch eine Form der politischen
Auseinandersetzung. Dieses Anliegen in einem Herausgeberwerk explizit
zum Thema zu machen, sollte als engagiertes Projekt gewürdigt
werden. Hier wird dieser Zusammenhang fokussiert auf die
Gestalttherapie dargestellt, d. h. zentrale Konzepte der
Gestalttherapie werden für das Individuum, für Gruppen und
die Gesellschaft diskutiert – die politische Dimension der
Gestalttherapie soll herausgearbeitet werden. Bisher wurde wenig dazu
publiziert, wobei auf die Arbeiten von Blankertz (1988), Höll
(1999) bzw. Schulthess (2003) verwiesen wird. Auch wurde vom IG Wien im
November 2009 eine Fachtagung zu diesem Thema veranstaltet. Die
Vortragenden bzw. die AutorInnen der Texte des Buches sind nicht
dieselben – das Buch versteht sich somit als mehr als ein Tagungsband.
Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis vermittelt mir, als interessiertem
Laien den Eindruck, als dass es den Herausgebern gelungen ist,
allgemein etablierte AutorInnen für die Mitarbeit zu
begeistern. Nach einem Vorwort der HerausgeberInnen leitet Bernd
Bocian mit „Zeitgeschichtliche und politische Einflüsse auf Fritz
Perls und die Gestalttherapie“ ein. Bocian darf vor allem durch rezente
Publikationen (z. B. Bocian, b. (2007) Fritz Perls in Berlin 1893 –
1933: Expressionismus – Psychoanalyse – Judentum) als federführend
hinsichtlich einer Auseinandersetzung mit der zeitgeschichtlichen
Einbettung von Gestalttherapie gelten. Peter Schulthess greift in
weiterer Folge den Buchtitel auf und vermittelt dabei wichtige
Grundlagen zur Thematik. Gerd Westermayer beschreibt in seinem Artikel
die mögliche Wirkung von „Town Meetings“ für die betriebliche
Gesundheitsförderung. Dieter Bongers trägt in seinem Aufsatz
dann weiter zu Klärung hinsichtlich der vielfältigen
Verflechtungen von Gestalt und Politik bei. Auch, wenn es den Rahmen
sprengen würde, weiter auf jeden einzelnen der zwölf
Beiträge einzugehen, möchte ich mit Nachdruck auf den sehr
gelungenen Artikel von Hans Peter Dreitzel hinsichtlich der Rolle der
Gestalttherapie im Spiegel der Weltkrise hinweisen. Als mutig empfinde
ich das Unterfangen einiger AutorInnen, sich dem Thema Krieg, bzw. den
Geschehnissen im Dritten Reich aus dem Blickwinkel der Gestalttherapie
zu nähern. Kollektive Neurotizismen/Introjekte belasten bis heute
die Befindlichkeit mehrerer Generationen schwer und stellen somit eine
besondere Herausforderung für die Psychotherapie dar. Auch bieten
diese Beiträge einen weiteren Aspekt zur reflexiven
Auseinandersetzung in der Arbeit mit traumatisierten Patienten.
Conclusion
Insgesamt fügt sich das Buch in die Reihe der in letzter Zeit
erschienenen, hochwertigen Publikationen zur Gestalttherapie nahtlos
ein. Es vermag eine Lücke hinsichtlich der politischen Einbettung
von Gestalttherapie zu schließen und ist zudem noch spannend zu
lesen. Möglicherweise hätte man die besondere politische
Relevanz der Gestalttherapie auch durch Bezugnahme auf andere
Therapieschulen in einem eigenen Beitrag stärker würdigen
können. Dies hätte das Anliegen unter Umständen noch
transparenter gemacht. Nichts desto trotz möchte ich das Buch als
durchaus gelungen weiterempfehlen.
DDr.
Human-Friedrich Unterrainer
Frank-M. Staemmler
Das Geheimnis der anderen – Empathie in der Psychotherapie
Wie Therapeuten und Klienten einander verstehen
Stuttgart, Klett-Cotta 2009, 320 S., € 32,90
Zuerst erschienen in der Zeitschrift "Gestalttherapie: Forum
für Gestaltperspektiven",
23.Jahrgang, Heft 2/2009, S. 154-6.
Einer alten Gewohnheit folgend, habe ich beim Lesen des Buches mit dem
Literaturverzeichnis begonnen. Es umfasst 31 Seiten und belegt die
Vielseitigkeit und den Drang des Autors, seelische Vorgänge zu
verstehen und herauszufinden, welche Möglichkeiten die
Psychotherapie hat, diese zu beeinflussen. Verständnis ist
eines der Schlüsselwörter des Buches. Wie
können wir andere Menschen überhaupt verstehen? Wie
ist es bei aller Unterschiedlichkeit und Individualität, die
uns Menschen auszeichnet, möglich, sich in das seelische
Erleben eines anderen Menschen hineinzuversetzen, hineinzudenken oder
einzufühlen? Welche Erklärungsansätze lassen
sich dafür finden und was bedeuten diese für Theorie
und Praxis der Psychotherapie?
Frank Staemmler hatte sich in der Vergangenheit schon mehrmals kritisch
über bestimmte Vorstellungen von Empathie
geäußert (Staemmler, Therapeutische Beziehung 1993,
44f und ders., Der leere Stuhl 1995, 120). Ich war deshalb neugierig,
was ihn jetzt dazu bewogen hatte, diesem Thema ein ganzes Buch zu
widmen. „Denn mir geht es ... in erster Linie darum, das
ungeheure therapeutische Potential, das in der menschlichen
Einfühlsamkeit steckt, besser zu verstehen und damit
für die psychotherapeutische Praxis besser nutzbar zu
machen“(19).
Zuerst gibt es einen Blick zurück. Das traditionelle
Verständnis von Empathie wird vorgestellt: „Empathie
ist eine Form der Zuwendung, bei der die Therapeutin darum
bemüht ist, die Erfahrungswelt ihres Klienten
möglichst genau zu erfassen, ohne dabei ihr Bewusstsein
für die Grenze zwischen dem Selbst und dem Anderen zu
verlieren.“ (30) Rogers, Perls und Kohut werden zitiert und
deren Auffassungen anschließend einer Kritik unterzogen.
Erster Kritikpunkt: Nicht nur die TherapeutIn ist empathisch
– auch die KlientIn. Empathie gehört zur
anthropologischen Grundausstattung – wie „Sehen,
Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken“ (35).
Zweiter Kritikpunkt: Empathie ist ein Vorgang, der mit der
dualistischen Philosophie von Descartes (res cogitans/res extensa)
nicht verstanden werden kann. Die
„Entkörperlichung“ muss
überwunden werden. Dazu wird das Konzept des
„Leibes“ aus der Phänomenologie
herangezogen. „Der ‚Leib’ ist in
phänomenologischer Terminologie der erlebte und belebte
Körper.“ (48)
Dritter Kritikpunkt: Die einseitige Betonung des Individualismus
führt in die Isolation. Empathie ist ein intersubjektiver
Vorgang. „Werden, wer man ist, kann man nicht
alleine.“(61)
Mit diesen grundlegenden anthropologischen Annahmen ist eine Hintergrundfolie ausgebreitet, vor der Staemmler sein erweitertes Konzept von Empathie ausarbeitet. Im zentralen Kapitel seines Buches Leibliche Einfühlung – „Einleibung“ stellt er Ergebnisse der Psychologie, Phänomenologie und der Neurowissenschaften vor. Er findet dabei eine auffällige Übereinstimmung dieser drei Wissenschaften zum Thema Empathie vor. Alle drei belegen, dass Empathie zuallererst ein leibliches Geschehen ist, das nicht bewusst herbeigeführt werden kann oder muss, weil die Fähigkeit zur Empathie zur Grundausstattung aller Menschen gehört und sich in jeder Begegnung zwischen Menschen spontan und unwillkürlich einstellt. Sie ist sozusagen der primäre Vorgang in der Begegnung mit dem Anderen. Eine Steuerungsmöglichkeit – so legen es die Forschungsergebnisse nahe - gibt es nur insoweit, dass Empathie verhindert oder unterdrückt werden kann.
Die Sicht der Psychologie, die Staemmler aus zahlreichen experimentellen Arbeiten zusammengestellt hat (u.a. Paul Ekmans Theorie über das facial feedback, die Theorie der altero-zentrierten Partizipation von D.N. Stern und die vielen Untersuchungen, die er im Zusammenhang mit der mimetischen Synchronisierung anführt), ist beeindruckend und spannend zu lesen. Diese psychologischen Experimente belegen für Frank Staemmler, wie eng Körper und Seele miteinander verbunden sind.
Die Konzepte der Leiblichkeit und der Perspektivität, die von der Phänomenologie entwickelt wurden, dürften den meisten GestalttherapeutInnen bekannt sein. Ausführlich kommt Edith Stein – eine Schülerin Edmund Husserls – zu Wort. Sie hat 1917 eine Arbeit „Zum Problem der Einfühlung“ verfasst. Das ist eine interessante aber sprachlich schwierige Lektüre.
Im Abschnitt über die Neurowissenschaften stellt der Autor die bahnbrechende Entdeckung der Spiegelneuronen vor. Hier hebt sich Frank Staemmler wohltuend von unkritischen Rezipienten neurowissenschaftlicher Theorien ab. Er ist sich der wissenschaftstheoretischen Fragestellungen, die für den Bereich der Naturwissenschaften gelten, bewusst. So vermeidet er „Kurzschlüsse“ und Kategorienfehler, die häufig Hand in Hand gehen mit der Begeisterung für neurowissenschaftliche Innovationen. Wenn es für Frank Staemmler auch viele offene Fragen im Zusammenhang mit den Forschungsergebnissen der Neurowissenschaften gibt, so legen diese für ihn doch nahe, dass Menschen auf Grund der Spiegelneuronen aktuelle Verhaltensweisen anderer unmittelbar verstehen können. Mit J. Decety fasst er die Befunde zusammen: „Die Art, wie unser Nervensystem organisiert und von der Evolution geformt worden ist, stellt den basalen biologischen Mechanismus für die Resonanz mit Anderen bereit.“ (183) Damit ist auch auf einer biologischen Ebene die Basis gelegt, um den Begriff der Konfluenz neu zu überdenken.
In einem weiteren Schritt geht es Frank Staemmler dann darum, den individualistischen Ansatz des traditionellen Empathiebegriffes zu erweitern. Dabei greift er auf ein Konzept zurück, dass ebenfalls von Phänomenologen entwickelt wurde, um eine übergreifende Dimension zu beschreiben. Empathisches Geschehen zwischen Menschen wird dabei als immer schon in eine gemeinsame Situation eingebettet verstanden. Nicht das Individuum steht im Zentrum der Aufmerksamkeit, der Fokus wird vielmehr auf das gemeinsame Ganze gerichtet. „Die Einfühlung, die dabei stattfindet, besteht vornehmlich in dem Gespür dafür, wie es ist, sich gemeinsam mit dem Anderen in dieser gemeinsamen Situation zu bewegen und von ihr bewegt zu werden...“(225)
Nachdem Frank Staemmler ausführlich die psychologischen, biologischen und philosophischen Untersuchungen zur Empathie dargelegt hat, geht er in einem letzten Kapitel auf die Frage ein: „Warum ist Empathie heilsam?“ Bei der Beantwortung greift er auf den Grundsatz der Interiorisierung von L.S. Vygotskij zurück: „ich verhalte mich zu mir so, wie andere Menschen sich zu mir verhalten.“ (269) Indem in der gemeinsamen Situation zwischen TherapeutIn und KlientIn ein empathischer Austausch gelingt, lernt die KlientIn, auch dann zu sich empathisch zu sein, wenn sie einmal allein ist und sich niemand Anders ihr zuwendet. Ein solches empathisches Verhalten sich selbst gegenüber gibt die Sicherheit, die Verbindung zu sich und zu anderen immer wieder neu herstellen zu können und sich so die seelische Gesundheit erhalten zu können.
Bei jedem Schritt, mit dem Frank Staemmler das traditionelle
Empathiekonzept erweitert, schildert er die Auswirkungen auf das
psychotherapeutische Setting. Viele Beispiele aus der eigenen Praxis
(eines, das mir besonders gut gefällt, veranschaulicht, was
mit der gemeinsamen Situation gemeint ist und findet sich in Textbox
65) lockern den anspruchsvollen Theorieteil auf und beinhalten
behandlungstechnische Anregungen. Der Autor hat sich nicht nur
bemüht, die Ergebnisse der Forschung zusammenzutragen und
weiterzudenken. Seine Absicht war es auch – und das ist ihm
sichtlich gelungen - ein gut lesbares Buch zu schreiben. Es
gibt nicht nur die schon erwähnten Textboxen, in denen
zentrale Begriffe komprimiert dargestellt und für das
Verständnis wichtige Personen kurz vorgestellt werden. Am Ende
eines jeden Kapitels findet sich ein Resümee und an einigen
Stellen helfen Grafiken, die komplexen Gedanken zu verstehen.
Ernst Mayerl, Wien
leitet eine Einrichtung zur Integration von
SozialhilfeempfängerInnen in den Arbeitsmarkt und arbeitet als
Psychotherapeut in freier Praxis.
Wollants, Georges
Gestalt Therapy: Therapy of the Situation.
2007
Faculteit voor Mens en Samenleving, Turnhout, Belgium. ISBN
9789081262316, 206 pages.
Georges Wollants’ book, representing a
culmination of his life’s work, will be just as appealing as
an introduction to the theory and practice of Gestalt as it will enrich
the experienced Gestalt therapist with a very timely perspective. The
basic text by Perls, Hefferline & Goodman, “Gestalt
Therapy. Excitement and Growth in the Human Personality”
(referred to here as PHG), is Wollants’ starting point. The
author criticizes PHG’s inconsistent focus on the unitary
organism-environmental field in the original book. Wollants deplores
the tendency on the part of PHG to focus on intrapsychic phenomena, to
ignore the context of a person’s behavior, and to lapse into
what Gordon Wheeler called the “individualist
paradigm”, neglecting the revolutionary, relational paradigm
shift implicit in other sections of their own text, in which they
advocate a perspective that is explicitly relational, dynamic, and
context-based.
Wollants prefers the term “situation” to that of
“field”, since “situation” more
closely resembles daily life. Thus, in advocating Gestalt therapy as a
therapy of the situation, Wollants is proposing a consistent field
perspective which is convincing. Moreover, he reconnects Gestalt
therapy theory to its important roots in the Gestalt theory of the
Berlin School, which emphasizes attending to the requirements of the
entire situation in person-world relations. Striving for
self-realization is situationally characterized. Accordingly, Gestalt
therapists are faced with the chore of focusing on the situation of the
patient, that is, on the complete context, and must include themselves
as an essential part of this situation. “This means that the
ultimate client of our psychotherapeutic occupation is the interplay of
the person and his phenomenal environment, and this in turn implies
that the Gestalt therapist defines personal problems in terms of the
interactional whole consisting of the person and his world (Wollants,
2007, p. 9).”
The misapplication of the contact cycle is another focus of
Wollants’ criticism. He contends that the contact cycle has
at times been reduced to homeostatic self-regulation, on other
occasions “misused by gestalt practitioners who label and
judge their clients’ safety operations as contact
disturbances or resistances to contact (ibid., p. 4)”.
Wollants has “tried to re-introduce a view of contact in
which even the smallest effort to deal with anything that interferes
with an ongoing contacting process can be considered as a necessary
preparation for completing a person-environment interaction, i.e. for
achieving contact (ibid.).”
Particularly interesting is
Wollants’ attentiveness to language, and he must be commended
for having taken on a project of this size in a foreign language (his
native language is Flemish). For instance, he describes “the
bodying forth of the situation” as a development of how our
body informs us of meaning, informed by the Gestalt theory of
expression. There are a number of brief clinical examples illustrating
his theoretical concepts. Nonetheless I felt that longer descriptions
of person-world relations would have enhanced the detailed and
fascinating way that Wollants has presented Gestalt therapy as a
therapy of the situation.
The book is comprised of six chapters, entitled “From a
monopersonal approach to a therapy of the situation”,
“The developing situation”, “Impairing
situations”, “Concepts of Gestalt therapy
revised”, “The bodying forth of the
situation” and “The therapeutic situation in
practice” respectively. For optimal comprehension, I
recommend reading the chapters in succession.
Dr. Nancy Amendt-Lyon
Heide
Anger, Peter Schulthess (Hrsg.)
GESTALT-TRAUMATHERAPIE
Vom Überleben zum Leben: Mit traumatisierten
Menschen arbeiten
2008
280 Seiten; ISBN: 978-3-89797-901-7, € 28,-
Der
Band vermittelt den State of the Art der gestalttherapeutischen Arbeit
mit traumatisierten Menschen: Grundlagen, Methoden und Praxis der
Traumatherapie, u.a. Kriegstraumatisierung, Armut und Trauma,
Traumafolgestörungen, Dissoziative Fugue, Traumabehandlung von
Kindern
und Jugendlichen, Albträume, Genderperspektiven.
Verlagstext
Eine
ausfühliche
Buchbesprechung von Dr. Leo Kröll als download: Buchrezension
Dr. Leo Kröll
Francesetti, Gianni (Hrsg.) Panic Attacks and Postmodernity. Gestalt Therapy Between Clinical and Social Perspectives. Milano: FrancoAngeli, 2007, €22,00
In diesem Buch widmen sich Francesetti und Co-AutorInnen den Fragen, warum Panikattacken heute so weit verbreitet sind, welche Beziehung zwischen diesem akuten Symptom und unserer gegenwärtigen Gesellschaft existiert, und welche neuen Einsichten die Gestalttherapie bieten kann, um sich dieses Problem anzunehmen und zu lösen versuchen. Francesettis Ansatz betrachtet Panikattacken sowohl als Ausdruck der persönlichen Lebensgeschichte wie auch als Phänomen, das aus einer geschichtlichen Ära der Unsicherheit, Fragmentierung und zunehmenden Komplexität resultiert. In diesem Licht sind Panikattacken Symptome der weit verbreiteten gesellschaftlichen Malaise, eine Manifestierung der Zerbrechlichkeit und der verwickelten Probleme so typisch für den postmodernen Kontext. Klinische und phänomenologische Sichtweisen, gemeinsam mit gestalttherapeutischen Konzepten, ermöglichen einen geeigneten Zugang zu und einen störungsspezifischen Umgang mit den Symptomen der Panikattacken. Klinische Beispiele zeigen wie das Auftauchen von Panikattacken zu neuen, angemessenen schöpferischen Lösungen durch die Neu-Organisation der persönlichen Beziehungen und des Lebensansatzes der Betroffenen führen kann.
Dr. Nancy Amendt-Lyon
Das Vorwort von
Dan Bloom
auf Englisch als download: Preface
Dan Bloom
Bocian, Bernd (2007) Fritz Perls in Berlin 1893-1933. Expressionismus – Psychoanalyse – Judentum. Herausgegeben und mit einem Geleitwort von Anke und Erhard Doubrawa. Peter Hammer Verlag, Wuppertal, 380 Seiten. ISBN 978-3-7795-0086-5
Dieses Buch ist eine wahre Goldgrube an Informationen über alles, was Fritz Perls in der ersten Hälfte seines Lebens erlebt und geprägt hat. Mit einer unglaublichen Ausführlichkeit, Detailliertheit, und vor allem seiner Herstellung von Zusammenhängen, hat Bernd Bocian ein wichtiges Werk geschrieben. Wer frühere Texte von Bocian kennt, wird in diesem Buch eine Erweiterung und einen Tiefgang der Einflussfaktoren auf Perls und seine Zeitgenossen finden.
Im ersten Abschnitt, Biographische Bausteine, werden die frühen Einflüsse auf Fritz Perls beschrieben und zu einander in Zusammenhang gestellt: der erste Weltkrieg, der Expressionismus, die Psychoanalyse und ihre Weiterentwicklungen, der jüdische Hintergrund, Perls’ Familienverhältnisse, die kulturellen und politischen Bewegungen dieser Zeit, die Ganzheitskonzepte, und vieles mehr. Im zweiten Abschnitt, Zur Aktualität der Erfahrungen der deutsch-jüdischen Großstadtavantgarde, wird, u.a. die gestalttherapeutische Widerstandstheorie vor dem Hintergrund von Perls’ Überlebenserfahrungen als Teil der vertriebenen deutsch-jüdischen Großstadtavantgarde verstanden, eine Frage der Zugehörigkeit, der Autonomie, Individualität und des Selbstdenkens, aber vor allem der Identität. Das Buch, eine große Bereicherung für die Gestaltgemeinschaft, ist empfehlenswert für praktizierende GestalttherapeutInnen, aber natürlich auch für AusbildungskandidatInnen und SupervisandInnen. Es sind mir beim Lesen viele Lichter aufgegangen!
Dr. Nancy Amendt-Lyon
Brigitte Holzinger (2007) Anleitung zum Träumen. Träume kreativ nutzen. Stuttgart: Klett-Cotta. ISBN: 978-3-608-86008-5
ÖVG-Gründungsmitglied Brigitte Holzinger hat in der Reihe Klett-Cotta Leben! ein lebenspraktisches Buch über Träume und den vielfältigen Umgang damit geschrieben. Das Buch richtet sich nach den Interessen von Laien wie auch Psychotherapeuten und gibt Holzingers Fachwissen als Bewusstseins- und Traumforscherin, das in der Gestalttheorie gründet, in verständlicher Form wieder. In Abwandlung von Sigmund Freuds Bezeichnung des Traumes als „Königsweg zum Unbewussten“, behandelt die Autorin Träume als „den Königsweg zur Entwicklung“ und zeigt ihrem Publikum, wie es die eigenen Träume besser verstehen aber auch aktiv gestalten könnte.
Das erste Kapitel beschreibt, was der Träumer dazu tun kann, um sich mittels seiner Träume besser kennen zu lernen, und bietet dafür Übungsvorschläge. In zweiten und dritten Kapitel macht die Autorin einen Streifzug durch die Geschichte und erzählt, was Träume in anderen Kulturen und in früheren Zeiten bedeutet haben. Interviews über den Traum in ihrer jeweiligen Psychotherapieschule mit August Ruhs, einem Psychoanalytiker und Lacanianer, und mit Reinhard Skolek, einem Jungianer, bilden das vierte Kapitel. Im fünften Kapitel bietet ein Interview mit dem Traumforscher von der Harvard University, Allan Hobson, Forschungsergebnisse aus der Neurowissenschaft des Schlafs. Im sechsten Kapitel beschreibt die Autorin anhand eines Fallbeispiels wie sie die Theorie der Gestalttherapie in die Praxis der Traumarbeit umsetzt. Die körperliche Ebene des Traums wird im siebten Kapitel anhand von praktischen Übungen näher beleuchtet. Anschließend wird der bevorzugte Forschungsbereich von Brigitte Holzinger genauer dargestellt: das luzide Träumen (auch Klarträumen genannt), in dem die träumende Person weiß, dass sie träumt und dabei eine aktive Rolle spielen kann. Im neunten Kapitel wird der Umgang mit Albträumen beschrieben, wobei die positiven Forschungsergebnisse vom luziden Träumen in Kombination mit Gestalttherapie hervorgehoben werden! Interviews mit Kunstschaffenden bilden das letzte Kapitel, das mit einer Übung abgerundet wird, die uns ermutigt, aus unseren Träumen zu schöpfen und so aktiv zur eigenen persönlichen Entwicklung beizutragen. Insgesamt ist Brigitte Holzingers Buch eine inspirierende Ermutigung, sich aktiv mit dem Traumleben zu beschäftigen.
Dr. Nancy Amendt-Lyon