Was ist die Gestalttherapie?
Die Gestalttherapie ist ein humanistisches psychotherapeutisches Verfahren, das sich bewusst vom klassisch-medizinischen Krankheitsmodell und festen Vorstellungen von gesund und krank abgrenzt.
Im Mittelpunkt steht die gleichwertige Beziehung zwischen Therapeut:in und Klient:in/Patient:in.
Die Gestalttherapie würdigt die Vielfalt menschlicher Lebensweisen und begreift das Individuum als ein in sein Umfeld eingebettetes Wesen. Der Mensch wird ganzheitlich – als Einheit von Körper, Geist und Seele – verstanden und steht in ständigem Austausch mit seiner Umwelt.
Begrifflichkeiten
Menschenbild
Die Gestalttherapie bezieht als modernes psychotherapeutisches Verfahren alle Bereiche menschlicher Erfahrung ein. Neben Körper, Gefühlen und Verstand gehören dazu auch die Suche nach Lebenszufriedenheit, Wärme und Sinn.
Von nicht minderer Bedeutung ist das soziale Umfeld der Menschen: Familie, Freundeskreis, Liebesbeziehungen, Schule und Beruf.
Der Begriff „Gestalt“ bedeutet „sinnvolle Ganzheit“. Die Gestalttherapie geht davon aus, dass Menschen dazu tendieren, ihre Lebensäußerungen zu sinnvollen Ganzheiten zu ordnen, sie zu verstehen und entsprechend zu handeln. Ist dies nicht möglich, können Störungen entstehen, die sich auf körperlicher, seelischer und zwischenmenschlicher Ebene zeigen.
Der Mensch in seiner Ganzheit
Die Gestalttherapie betrachtet den Menschen als Leib-Seele-Geist-Einheit sowie als Gestalter:in und zugleich Gestaltete:n seines historisch gewachsenen sozialen, politischen und ökologischen Umfeldes.
Der Holismus (Smuts) und die Organismustheorie (Goldstein) betonen den ökologischen Aspekt menschlichen Lebens. Menschen werden als Teil der Evolution und somit als Teil sowohl des natürlichen als auch des kulturellen Umfeldes verstanden.
Schöpferische Anpassung an das Umfeld
Die Ressourcen und Fähigkeiten eines Menschen zur „schöpferischen Anpassung“ an das Umfeld können durch ungünstige Bedingungen beeinträchtigt oder unterentwickelt sein. Dabei sind zwischenmenschliche Beziehungen von zentraler Bedeutung.
Kommunikation – also die Gestaltung dieser Beziehungen – beruht auf dem Zusammenwirken körperlicher, seelischer und geistiger Prozesse.
Hier und Jetzt
Prägungen aus der Vergangenheit und Erwartungen an die Zukunft fließen stets in die Beurteilung der gegenwärtigen Situation ein. Veränderung ist jedoch nur im aktuellen Geschehen des Hier und Jetzt möglich.
Zwischenmenschlichkeit als tragender Grund
Kontakt, Begegnung und Beziehung sind grundlegende Konzepte für das zwischenmenschliche und dementsprechend für das therapeutische Geschehen. Das Umfeld im erwähnten, vollständigen Sinne prägt dieses Geschehen zu jeder Zeit mit.
Basis ist eine vertrauensvolle, dialogische Beziehung von Klient:in/Patient:in zu Therapeut:in, in welcher die Therapeut:in als mitfühlendes Gegenüber es ermöglicht, sich auf die Suche nach den körperlichen und seelischen Blockaden zu machen.
Gestalttherapie: vertieft.
Psychische Struktur
Das Konzept des Selbst als eine Struktur, die sich im Fluss jeweils gegenwärtiger Kontakte entfaltet, bildet die Grundlage für das Verständnis gelingender und beeinträchtigter Bewältigung des individuellen Lebens.
Drei Funktionen lassen sich unterscheiden:
Vitale Basisfunktionen: Körperprozesse, Wahrnehmungen und kreative Prozesse.
Steuerung: Entscheidung und Steuerung des Handelns. Diese Funktion ist vor allem dann von gerichtetem Bewusstsein begleitet, wenn Schwierigkeiten zu bewältigen sind.
Personale Identität: Das System der Einstellungen im zwischenmenschlichen Bereich sorgt für ein kontinuierliches Empfinden der eigenen Identität und stellt die Verantwortungsstruktur des Selbst dar.
Gesundheit wird als die Fähigkeit eines Menschen verstanden, seine physischen, psychischen und sozialen Bedürfnisse ohne Schaden für sich selbst und sein Umfeld zu befriedigen. Dabei wird von einer produktiven Auseinandersetzung mit der Umgebung, der Berücksichtigung des Rhythmus von Kontakt und Rückzug sowie von einem ungestört ablaufenden Gestaltbildungsprozess ausgegangen.
Störungen (Krankheiten) entstehen durch Defizite, konflikthafte Kontakte sowie durch Über-, Unter- oder uneinheitliche Stimulation.
In der Gestalttherapie wird angenommen, dass psychische Störungen ihren Ursprung in unerledigten Bedürfnissen und Handlungsvollzügen haben. Entsprechende Einschränkungen der Kontaktfähigkeit, Wahrnehmung und Gefühle lassen sich in der Interaktion zwischen Psychotherapeut:in und Klient:in/Patient:in wiederfinden.
Gesundheits- und Krankheitsverständnis
Die therapeutische Beziehung als Basis neuer Erfahrungen.
Die therapeutische Beziehung bildet die Grundlage für das Wagnis neuer Erfahrungen.
Die Gestalttherapie geht existenziell, experimentell und erlebnisorientiert vor. Der Ansatz ist phänomenologisch begründet. Im Zentrum stehen die Klient:innen in ihrer existenziellen Situation, in direktem Kontakt mit ihren Therapeut:innen im Hier und Jetzt.
Blockierungen, Fixierungen, blinde Flecken und abgespaltene Persönlichkeitsanteile werden in der therapeutischen Begegnung entdeckt und bearbeitet. Ein tendenziell lebenslanger Wachstumsprozess – die Ausweitung des Vorstellungs- und Handlungsspielraumes durch gelungene neue Erfahrungen – ermöglicht Stabilisierung und Veränderung bis ins hohe Alter.
Praxislehre
Der Fokus der Gestalttherapie liegt auf dem Prozess der bewussten Wahrnehmung eigener Empfindungen sowie des Kontakts zur Umwelt und zum Gegenüber.
In Anlehnung an die Gestaltwahrnehmungspsychologie zeigt sich, dass eine klare Wahrnehmung innerer Erlebnisse nur dann möglich ist, wenn Vergangenes abgeschlossen und in den Hintergrund treten kann, sodass Raum für neue Gestalten entsteht.
Eine sogenannte „unerledigte Situation“ kann sich in Verwirrung des Denkens, verarmtem Gefühlsleben, Schlaflosigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten oder psychosomatischem Leiden äußern. In der Regel führen solche Prozesse zu Störungen im sozialen Leben – etwa in Partnerschaft, Familie oder Beruf.
Diese Situationen können in der Gegenwart reinszeniert, in der psychotherapeutischen Interaktion durchgespielt, bewusst gemacht und neuen Lösungen zugeführt werden.
Bei schweren Störungen, etwa infolge von Traumatisierungen oder strukturellen Defiziten, richtet sich die Aufmerksamkeit der Therapeut:in verstärkt auf nonverbale Ausdrucksformen wie Mimik, Körpersprache und Atmosphäre. Diese werden als Ausdruck des „Dazwischen“ verstanden – sich re-inszenierende Beziehungsmuster aus frühen Lebensphasen.
Ebenso wird das Beziehungsgeflecht der Familie als Ganzes sowie deren Einbettung in das soziale Umfeld betrachtet, um unbewusste Muster sichtbar zu machen und neu zu gestalten.
Dadurch kommt der gesamte Hintergrund der aktuellen Problematik ins Blickfeld, wozu auch unaufgearbeitete Familiengeheimnisse und –tragödien sowie die Verwicklung der früheren Generationen in historische Ereignisse gehören.
Unerledigte Situationen werden neu aufgerollt und abgeschlossen
Widerstand zählt zu den zentralen Konzepten der Gestalttherapie. Gemeint ist das Vermeiden oder Verhindern persönlicher Veränderung – obwohl diese gewünscht ist –, etwa durch Müdigkeit, Vergessen, Trotz oder Ablenkung.
In der Gestalttherapie wird Widerstand als früh erlerntes Schutz- und Verteidigungsmanöver verstanden, das der Wahrung von Integrität und Stabilität dient. Er wird als Stoppsignal interpretiert und nicht als Hindernis, sondern als Beistand gewürdigt.
Erst wenn die ursprüngliche Sinnhaftigkeit des Widerstandes anerkannt wird, können sich Betroffene bewusst für neue Handlungsmöglichkeiten entscheiden.
Widerstandsphänomene zeigen sich nicht nur bei Einzelpersonen, sondern auch bei Organisationen und Institutionen, die sich in Veränderungsprozessen befinden.
Widerstand als Beistand
Die Bewusstheit seiner selbst und des Feldes ist heilsam. Gewahrsein und Bewusstheit im Einklang mit emotionalem Erleben entfalten eine heilende Kraft, die über rein kognitives Verstehen hinausgeht.
Die Bewusstheit des intrapersonalen, interpersonalen und feldbezogenen Geschehens ermöglicht einen existenziellen Kontakt mit sich selbst und mit der Umwelt. Was im Hier und Jetzt bewusst wird, ist auch der Veränderung zugänglich (paradoxe Theorie der Veränderung). Die Gegenwart gilt als die einzige reale Zeit in dem Sinne, als sie unmittelbar erlebt wird und Handeln nur in der Gegenwart stattfindet
Gewahrsein
Geübt wird ein „mittlerer Modus“ zwischen aktiv und passiv, auch als schöpferische Indifferenz (S. Friedlaender) bezeichnet. Dieser ermöglicht Achtsamkeit (Awareness) gegenüber eigenen Impulsen ebenso wie gegenüber den Gegebenheiten des Feldes, also des jeweiligen Umweltausschnittes.
Bei ausreichendem Vertrauen in die eigenen Kräfte – und unterstützt durch die psychotherapeutische Beziehung – wächst die Fähigkeit der Klient:in sich dem Geschehen ohne übermäßiges Kontrollbedürfnis zu überlassen.
Der „mittlere Modus“ – sich den Kräften des Lebens anvertrauen
Interventionen, Anwendungsbereiche, Gesetzliches.
Interventionen
Die Vielfalt der Interventionsmöglichkeiten stellt ein zentrales Qualitätsmerkmal der Gestalttherapie dar und erhält dementsprechend großen Raum.
Es werden unterschiedliche Ansätze der Traumarbeit eingesetzt, mit Imaginationen gearbeitet sowie vielfältige Formen kreativen Ausdrucks genutzt (z. B. Schreiben, Malen, Modellieren, Musik). Darüber hinaus kommen körperorientierte Interventionen sowie Rollenspiele und Reinszenierungen bedeutsamer Erlebnisse zum Einsatz.
Das therapeutische Experiment spielt eine wichtige Rolle – sowohl bei der Verarbeitung von Konflikten und der Mobilisierung von Ressourcen als auch als Probehandlung für neue Handlungsmuster.
Entscheidend ist stets die Berücksichtigung der individuellen Aspekte einer Situation sowie deren Umsetzung in passende Experimente.
Der spezifisch integrative Ansatz der Gestalttherapie zeichnet sich zudem durch den gezielten Einbezug gruppendynamischer Prozesse aus. Dabei werden die drei Ebenen psychischen Geschehens – intrapersonell, interpersonell sowie Gruppe bzw. Ganzheit – bewusst berücksichtigt. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der systemischen Perspektive.
Anwendungsbereiche
Die Gestalttherapie eignet sich für alle psychotherapeutischen Settings und wird in der Einzel-, Paar-, Familien- und Gruppentherapie angewendet.
Darüber hinaus findet der Gestaltansatz Anwendung in der Supervision – sowohl in der Einzel- als auch in der Gruppensupervision, in der Fallsupervision sowie in der Teamsupervision.
Weitere Einsatzfelder sind die Gestaltpädagogik und die Organisationsentwicklung. Die Gestalttherapie wird sowohl im klinischen Bereich (z. B. Psychiatrie, klinische Psychologie, psychosomatische Kliniken, Suchtbehandlung, Beratungsstellen) als auch in der freien psychotherapeutischen Praxis angewendet.
Je nach Störungsbild und Lebenszusammenhang der Patient:in wird der gestalttherapeutische Ansatz individuell und maßgeschneidert eingesetzt.
Die Gestalttherapie ist ein wissenschaftlich anerkanntes psychotherapeutisches Verfahren, das weltweit verbreitet ist und dessen wissenschaftliche Fruchtbarkeit durch zahlreiche Publikationen belegt wird.
Gesetzlicher Rahmen
Die Gestalttherapie ist eine in Österreich gesetzlich anerkannte Psychotherapiemethode.
Sie wird im Rahmen der EAGT (European Association for Gestalt Therapy) in enger Korrespondenz mit internationalen Entwicklungen der Psychotherapie sowie mit anderen relevanten Wissenschaften kontinuierlich weiterentwickelt.
Geschichte
Gründer:innen
Die Gestalttherapie wurde in den 1940er- und 1950er-Jahren entwickelt. Als ihre Begründer:innen gelten:
Fritz Perls (1893–1970)
Psychiater und Psychoanalytiker; zentrale Figur in der Entwicklung der GestalttherapieLaura Perls (1905–1990)
Psychologin und Gestaltpsychologin; wesentlich an Theorie, Praxis und Ausbildung beteiligtPaul Goodman (1911–1972)
Sozialphilosoph und Schriftsteller; trug entscheidend zur theoretischen und gesellschaftskritischen Fundierung bei
Fritz und Laura Perls waren deutsche Jüd:innen und nahmen an den bedeutenden geistigen Strömungen der Zwischenkriegszeit teil. Sie flohen vor dem Nationalsozialismus über Holland nach Südafrika und emigrierten später aufgrund der Apartheid in die USA. Wo sie gemeinsam mit Paul Goodmann 1951 das grundlegende Werk “Gestalt Therapy: Excitement and Growth in the Human Personality“ veröffentlichten.
Philosophische und künstlerische Einflüsse auf die Entwicklung der Gestalttherapie
Die Gestalttherapie entstand aus einer vielfältigen Auseinandersetzung mit psychologischen, philosophischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Strömungen des frühen 20. Jahrhunderts.
Psychiatrie und Psychoanalyse
Wichtige Grundlagen stammen aus der Psychiatrie und Psychoanalyse, insbesondere aus den Arbeiten von Sigmund Freud, Sándor Ferenczi, Otto Rank und Karl Landauer.
Zentrale theoretische Impulse lieferten grundlegende wissenschaftliche Entwicklungen dieser Zeit:
Gestaltpsychologie: Max Wertheimer, Kurt Koffka, Kurt Goldstein
Feldtheorie: Kurt Lewin
Organismische Theorie: Kurt Goldstein
Relativitätstheorie, Holismus : Jan Smuts
Phänomenologie : Husserl
Die Gestalttherapie wurde ebenfalls stark durch philosophische Einflüsse geprägt:
Existenzphilosophie: Martin Buber, Paul Tillich
Philosophische Sozialkritik: Gustav Landauer
Östliche Philosophien: Existenzphilosophie und Tao
Auch künstlerische, körperorientierte und handlungsbezogene Einflüsse hielten Einzug in die Gestalttherapie
Moderne Tanz- und Schauspielkunst: Max Reinhardt
Körperarbeit: Elsa Gindler
Körperorientierte Psychotherapie: Wilhelm Reich
Psychodramatische Methodik: Jakob Levy Moreno (Psychodrama)
Diese Einflüsse bilden die Grundlage für die kreative und flexible Arbeitsweise der Gestalttherapie, die individuell auf die Bedürfnisse der Klient:innen abgestimmt wird. Die Gestalttherapie wurde im Rahmen der Humanistischen Psychotherapien entwickelt, geht in einigen Punkten aber darüber hinaus
Die Gestalttherapie integriert zahlreiche philosophische Strömungen und künstlerische Impulse. Dazu zählen:
Phänomenologie (Husserl): Förderung der bewussten Wahrnehmung des Hier-und-Jetzt.
Existentialismus (Buber, Sartre, Jaspers): Betonung der Verantwortung des Individuums für das eigene Leben und Erleben.
Kunst und Kreativität: Musik, Malerei, Theater und Tanz dienen als Ausdrucksformen und therapeutische Mittel, um nonverbale Erfahrungen zugänglich zu machen.
Zen-Buddhismus und östliche Meditationstechniken: Einfluss auf Achtsamkeit, Selbstwahrnehmung und das Loslassen von kontrollierendem Denken.
Wissenschaftliche Weiterentwicklung
Die Gestalttherapie entwickelt sich kontinuierlich weiter, sowohl in der Praxis als auch in der Forschung. Wichtige Aspekte:
Integration aktueller psychologischer Forschung: Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie, Neuropsychologie und Sozialpsychologie fließen ein.
Evaluation und Evidenzbasierung: Interventionen werden zunehmend wissenschaftlich überprüft, z. B. hinsichtlich ihrer Wirksamkeit bei Angststörungen, Depressionen und psychosomatischen Erkrankungen.
Internationale Vernetzung: Kooperationen mit Psychotherapeut:innen, Wissenschaftler:innen und Ausbildungsinstitutionen weltweit sorgen für die ständige Anpassung und Optimierung des Gestaltansatzes.
Ziel ist, die Gestalttherapie sowohl als kreative Praxis als auch als wissenschaftlich fundiertes Verfahren zu etablieren.
Literaturempfehlungen
Publikationen
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Zinker, J.: Gestalttherapie als kreativer Prozeß. Junfermann-Verlag, Paderborn 1990
Fachzeitschriften
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